BALLADEN

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Inhaltsverszeichnis

 

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Das Mädchen aus Holland

(Aus der Familiengeschichte der Madame Joubaud zu Nozay)

 

von Gerd Honsik

Er hielt am Raine und sah stumm herüber,
sie pflückte eifrig Äpfel sich vom Baum.
Er rief ihr zu, sie trat zu ihm hinüber,
und beide glaubten sie an einen Traum.

Er war so jung – kaum reicht’ es zum Soldaten,
sie war so jung – ein Mädchen grade schon.
Ihr strahlend’ Lächeln, da sie nähertraten,
strafte der Ernst der jungen Augen Hohn.

Sie hielten später scheu sich an den Händen –,
so kostbar zählen Stunden nur im Krieg.
Sie wußten es. Drum konnte sie nicht schänden
sein wildes Küssen und das schnelle Glück.

Auf ihre Schürze hat er rasch geschrieben
den Namen sein, die Gegend und den Ort
in jenem fernen, fremden Frankreich drüben –,
da riefen ihn Trompeten auch schon fort.

Sie dachten nicht: Es war im Korn geschehen!
War doch geschehen unterm Himmelsdach!
In Schuh’n von Holz sah er sie weinend stehen,Sturme gelassen
als er davon ritt – der Trompete nach.

Und hatten nicht ein einzig Wort verstanden,
hatten gewechselt nichts als Kuß und Blick.
Sie sah Kolonnen, die im Dunst entschwanden
und blieb in Seligkeit und Weh zurück.

Sie hieß Maria, und als sie erkannte,
daß sie von ihm ein Kind gebären sollt’,
trug schweigend sie den Spott und auch die Schande
und auch den Haß, den mancher ihr gezollt.

Und als der Knabe ein paar Wochen zählte,
verließ sie eines Tags ihr Vaterhaus.
Sie floh der Schande und sie floh der Kälte
und zog nach Süden in das Land hinaus.

Sie hieß Maria und sie hat getragen
ihr weinend’ Kind den lieben langen Tag
auf ihrem Rücken, und es hat geschlagen
ihr Holzschuhpaar ein rastloses Ticktack.

Hat nie gezweifelt, daß den Weg sie finde.
Manch helfend’ Hand und manch ein gastlich’ Dach
traf auf dem Weg Maria mit dem Kinde,
und Windeln wusch sie säuberlich am Bach.

Und als sie dann sein Elternhaus betreten,
da schlug das Herz voll Furcht ihr in der Brust.
Hatt’ drum nur Obdach für die Nacht erbeten
und hat vor Scham nicht aus noch ein gewußt.

Die Mutter, da den Namen sie vernommen
und als sie sah des Knaben Lockenhaar,
hat der Verdacht ganz plötzlich überkommen,
daß dies das Kind des fernen Sohnes war.

Sie nahm das Mädchen auf und auch den Knaben,
hat sie umsorgt und wohl bei sich verwahrt.
Marie gestand, und beide Frauen haben
gehofft auf den Vermißten und geharrt.

Es kam die Zeit, da suchte zu gelangen
manch müder Wanderer von Rußland her
nachhaus’ zurück. Da kam auch er gegangen –
ein Stückchen Strandgut aus des Kaisers Heer.

Vom Rheine war des Weges er gekommen –
vom frühen Morgen fort die ganze Nacht!
Und hatt’ nicht Zeit zum Rasten sich genommen,
bis er den alten Kirchturm ausgemacht.

Und bei des Tages erstem blassen Scheinen
hat er sein Vaterhaus vor sich geseh’n.
Und hörte plötzlich leises Kinderweinen
und sah ein Holzschuhpaar am Eingang steh’n.

Als sie sich wortlos in die Arme sanken
(er hatt’ gepocht, – sie hatte aufgemacht),
huben zu beten an, um Gott zu danken,
die Menschen rings, die plötzlich aufgewacht.

Inhalt

 


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Zweimal hat Österreich geweint.
Einmal 1938.
Einmal 1945.
Einmal aus Freude.
Einmal aus Schmerz.

Der Blumenkrieg

(Nach der subjektiven Erzählung einer alten Frau)

 

von Gerd Honsik

Es wußte keiner wirklich, daß er kam,
doch tags zuvor schon drängte auf die Straßen
ein Meer von Menschen. Fieber steckte an
und griff um sich. Hat keinen ruhen lassen.
Und eifrig werkten in der Nacht vorher
noch heimlich Millionen Frauenhände
an einem uferlosen Fahnenmeer,
und alle träumten von der großen Wende.
Da war ein Raunen, schwang ein Hoffen tief,
ein Festtagsleuchten wärmte aller Wangen,
und schon bereit, daß sie der Führer rief,
harrte die Jugend voller Kampfverlangen.

Und als die Grenze, die verfluchte, fiel,
der Schlagbaum endlich hochfuhr im Frohlocken,
da brach ein Wall. Es schritt bekränzt ans Ziel
Deutsch-Österreich im Sturme aller Glocken.
Die Wehrmacht kommt! Die Erde zittert, bebt.
Motorenknurren weht voran dem Heere,
das mühsam, Schritt um Schritt, nach Osten strebt,
versunken fast in einem Blumenmeere.
Aus allen Fenstern springt es jäh hervor:
ein Wall von Fahnen, drinnen schwarze Male.
Da ist kein Turm, kein Haus, kein Dach, kein Tor,
das schmucklos bleibt bis hin zum fernsten Tale.
Das ganze Land in rot-weiß-schwarzer Pracht,
wie eine Wiese, auf der jäh erglühte
im Frühlingstaumel, mächtig über Nacht
ein Meer von Blumen in der vollen Blüte.
War das ein Jauchzen, als der Führer kam,
das Volk an seinem Wege wuchs zum Strome,
wie eine Flut, die schier kein Ende nahm,
und alle harrten, daß er komme, komme.

Und jeder wußte, was sein Kommen hieß
(hat nie geschmeichelt und hat nichts verborgen):
daß nicht zum Dulden, daß zum Kämpfen wies
sein Weg auf seiner Suche nach dem Morgen.
Im Beifallstosen hören sie ihn nah’n
und sehen ihn im off’nen Wagen kommen.
Es wächst der Urschrei brüllend zum Orkan,
und alle sind vor Seligkeit benommen.
Der heil’ge Schrei, der vor der Sprache weit
geschart die ersten Menschen um die Sippen
in Not und Fährnis jener ersten Zeit,
bricht, totgeglaubt längst, über alle Lippen.
Und auf der höchsten Woge schäumend’ Kamm,
da kommt der Führer schweigend angeritten,
und jeden, scheinbar jeden blickt er an
und packt ihn sich. Und ist vorbeigeglitten.
Das Wissen um die Not, die gestern war
jählings verflogen wie ein Traum, ein böser,
da nun vom off’nen Wagen, ernst und klar,
einsam herabblickt endlich der Erlöser.

Und Menschen rings jed’ Standes und Geschlecht,
die halten schluchzend sich vor Glück umschlungen,
und lachend, weinend tanzen Herr und Knecht,
vom Freudentaumel allesamt bezwungen.
Da läßt der Kutscher sein Gespann zurück,
da stürzt der Meister fort aus seiner Schmiede.
Dort weint ein Priester, fassungslos vor Glück,
und Alte, Kranke kommen sterbensmüde.
Der Arbeitsmann reckt seine Hände hin:
Gib du mir Tagwerk! Laß mich schaffen geh’n!
Und sieht ihn nah’n. Sieht ihn vorüberzieh’n.
Und ist gewiß: Mich hat er angeseh’n!
Und da der Bauer pflügt am Wegesrand,
Schuldner und Knecht auf seiner Väter Erde:
hält an die Rosse und reißt hoch die Hand,
und all sein Hoffen fleht aus der Gebärde.
Und dort der Bursche, abgehärmt und bleich,
harrt schon seit Mitternacht, ihn zu begrüßen,
und träumt von Arbeit und vom Deutschen Reich.
Er träumt‘s in Lumpen und mit bloßen Füßen.

Am Rock die Binde mit dem weißen Kreis,
steht der Gendarm bewaffnet in dem Trubel.
Da seinen wahren Herrn er kommen weiß,
da schnellt sein Arm empor im Jubel, Jubel.
Und Mütter heben blasse Kindlein hoch:
Der gibt dir Brot! Und Milch! Und gibt dir Kleider!
Kannst du ihn seh’n? Er kommt! Ich hör’ es doch!
Im Jubel und im Taumel geht es weiter.
Zum ersten Male wankt jetzt Manneszucht
bei deutschen Truppen, und man kann nun seh’n,
zutiefst erschüttert von der Stunde Wucht
bekränzt Soldaten unterm Volke geh’n.
Und sieh: Der Hunger fort mit einem Schlag!
An allen Plätzen steh’n bespannte Küchen
verteilen Fleisch und Brot den lieben Tag,
und jahrelange Not ist jäh entwichen.
Und Mädchen bettelarm am Wegesrand,
die reichen den Soldaten hin vom Besten
an Speis’ und Trank mit liebevoller Hand
und laben sie mit kleinen, guten Gesten.

Gewaltig dieser Tag! Doch rein und sacht!
Das war ein Teilen und das war ein Schenken
vom frühen Morgen bis zur späten Nacht
und tiefes Freuen, Lachen, Fahnenschwenken.
Ach Worte dürr! Ihr könnt den Weg durch Linz,
könnt die Begeisterung nicht wiedergeben.
Verödet lagen Hof und Dörfer rings,
und in der Stadt, da raste alles Leben.
Und dann das Ziel: die alte Kaiserstadt!
Das rote Wien? Hier kann es keiner glauben,
der diesen Taumel selbst gesehen hat.
An Bäumen hängen schwarze Menschentrauben.
So wie ein hunderttausendköpfig’ Tier
erhebt die Menge sich zu wildem Leben,
und angetrampelt wie ein schneller Stier
stampft die Begeisterung auf Hitlers Wegen.
Auf jedem Giebel, auf dem höchsten First
und auf Gesimsen, Erkern und Laternen,
da hängt‘s und tobt‘s, bis fast die Stimme birst,
wenn sichtbar wird sein Wagenzug von ferne.

Erzherzog Karls und auch Prinz Eugens
in Riesenrund gestellte Reitermale,
sie tragen in der Brandung des Gescheh’ns
aus Menschenleibern eine dichte Schale.
Und Menschen, Menschen, die ihn sehen woll’n.
Ohnmächtig des Begleitkommandos Recken.
Der Wagen ist von Blumen überquoll’n,
umbrodelt von den Armen, die sich strecken.
Und rätselhaftes Schrei’n, das tief,
aus Millionen heis’ren Kehlen dringt.
Und wieder: Urschrei, der vergessen schlief
und der sich kreißend nun der Brust entringt.
Man hat es später, als das Reich entzwei,
verspottet als das Schrei‘n von wilden Tieren.
In Wahrheit war‘s der ersten Menschen Schrei,
die todbereit gestellt sich vor die Ihren.
Nichts ist vollkommen, was von Menschen ist.
Und keiner ahnte, was das Reich verloren,
als nachts ein Denker, Jude, Sozialist,
sein Land verließ, das wider ihn verschworen.

Als Friedrich Adler seine Koffer nahm,
um heimatlos und still davonzugeh’n,
da war ihm Trost in allem seinen Gram
der Deutschen Einheit machtvoll’ Aufersteh’n.
Daß einer ging von unserm Sieg verjagt ,
der dieses Reich wie wir erträumt, erstritten,
ist groß. Und schmerzt. D’rum sei es hier gesagt:
Ein Deutscher war‘s, der diesen Tag erlitten.
Doch ist jetzt Zeit fürwahr zum Klagen nicht!
Vergeßt die Schatten. Laßt uns freuen, freuen.
Der Chor verebbt schon, denn der Hitler spricht!
Da ist kein Platz zum Zaudern und Bereuen.
Und sieh: Das Jauchzen, Rauschen, Brausen fort!
Und Stille wölbt sich mächtig in der Runde.
Und in die Stille hämmert Wort für Wort
einsam der Führer! Unvergeßlich’ Stunde!
Ich bin gekommen. Und ich steh’ vor euch,
ihr deutschen Volksgenossen, und berichte:
Heim ging die Ostmark in das Deutsche Reich.
Es ist vollzogen. Und ist nun Geschichte.

Da rast es jauchzend, wie ein wilder Sturm,
vom Heldenplatz bis hin zum Burgtheater,
und aus der Brandung ragt, gleich einem Turm,
stumm am Balkon des großen Sieges Vater.
Ein Wink der Hand! Die Million verstummt,
und er fährt fort, zu seinem Volk zu sprechen:
Der Feinde Willkür will in dieser Stund’
ich mit dem Frevel von Germaine zerbrechen.
Der Bauer sei ab heute wieder frei
und sei nicht länger Sklave seiner Schulden.
Die Zinsknechtschaft, hier hau’ ich sie entzwei!
Werd’ nie mehr Schacher mit der Erde dulden.
Und Ordnung allerorts. Und jedem Schutz
durch des Gesetzes Arm. In stillsten Gassen.
Gemeinnutz siege über Eigennutz!
Des einz’lnen Glück, es sei das Glück der Massen.
Und Arbeit sei ab heute Recht und Pflicht.
Wer Arbeit sucht, wird morgen Arbeit finden.
Doch weh dem Stromer, der da scheut das Licht,
denn eis’ner Zwang wird das Gesindel binden.

Und Bruder heiße, wer uns zugesellt
durch Muttersprache. Wen sein Blut gegeben
an unser Volk. Ich schwör’ es hier der Welt,
daß Deutschland ist, wo immer Deutsche leben.
Jetzt hängt das Schreien eine Wetterwand
über der Stadt gleich einer schweren Wolke,
aus off’nen Schleusen stürzt‘s minutenlang
hervor aus dem erlösten deutschen Volke.
Beauftragt stand er so vor aller Welt!
Vom Volke selber, das hierhergekommen
und unter freiem Himmel ihn erwählt,
hat er das Zepter und das Schwert genommen.
Und grober Knecht und hohe, feine Herr’n,
sie schwanken da mit wundgebrüllten Kehlen
und schrei’n, gepackt von einer Stimme fern,
die sich gebäumt vom Grunde ihrer Seelen.
Was Goethe dachte und was Schiller schrieb,
was Staufer, Welfen einst umkämpft, umrungen,
was Marx erträumt, was Florian Geyer trieb,
erreicht an diesem Tage und erzwungen.

Ein Volk, ein Reich, ein Führer ihm voran,
und alle, alle an ein Recht gebunden.
Und eine Münze und ein Heeresbann!
Der Traum ward Wirklichkeit in diesen Stunden.
Das Böse hat im Dunkel nur gegärt,
abseits im Stillen, ferne aller Taten.
Es hätten gern die Mündigkeit verwehrt
dem Volke jetzt die Antidemokraten.
Das Dach gespannt! Und alle Kraft vereint.
Die Menge rings und er allein inmitten,
sie hatten für die Ewigkeit vermeint
das Reich zu bauen, das sie hier erstritten.
Und Lachen, Weinen, Tanzen fort die Nacht!
Der Liebe Sieg! O schönster deutscher Siege!
Wenn einst die Wahrheit aus dem Schlaf erwacht,
steht auf und kündet von dem Blumenkriege!

 

Inhalt

 


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Der dritte Tag

(Aus dem Tagebuch meiner Deportation)

 

von Gerd Honsik

Nach „Soto del Real“ zu den Verbannten
wurd’ ich in Ketten aus Madrid gebracht,
wo Immigranten mich sogleich erkannten.
Aus Lügen ward ein Feuerchen entfacht.

War jäh umringt von geifernden Mulatten,
mit Tod mir drohend, hitzig, ohne Maß,
die Zeitungen in ihren Fäusten hatten
mit meinem Bild und neugierig wie Ratten
mich nun umlauerten mit blankem Haß.

Stets ist der bösen Tat vorausgeschritten
maskiert als Vorhut eine Lüge scheu,
und eine zweite stets folgt’ ihren Tritten,
um hinterher die Spuren zu verschütten
und zu verdunkeln wie ein Schatten treu.

Ich, alt, allein und ohne Freund und Waffen,
bereit zum Kampfe stand ich im Gewühl!
Könnte ein Kopfstoß mir Befreiung schaffen?
Auf Mittel sinnend vor der Meute Gaffen
lockte zu Hieb und Stich ein Besenstiel.

Da trat das Rettende mir jäh zur Seite, –
der Jude Roy, ein Neger aus Den Haag,
ein Räuber aus Madrid, bereit zum Streite:
„Schlagt ihn nicht tot! Laßt ihn doch reden, Leute!”
So wandte sich das Blatt mit einem Schlag.

Hier galt es nicht: „Da Linke – dort die Rechten!“
Von allen Rassen zählten jetzt nur zwei:
Die Guten standen auf wider die Schlechten,
um für oder um gegen mich zu fechten!
Den Rücken hielt mir Hadschi Hassan frei.

Nun fliege, Botschaft, auf die große Reise!
Das Laue und das Feige zählt hier nicht.
Was ich vor Fremden hier und Räubern preise,
und was hier stand hält und als echt sich weise,
das ist von rechtem Maße und Gewicht.

Wer ich denn sei? Wonach ich strebte, suchte?
Auf flammt die freie Rede wie ein Schwert!
„Was soll Dein Herrenmensch, der Gottverfluchte,
und jenes Reich des Bösen, das verruchte?“
„Die Rassen alle“, sagt’ ich, „sind von Wert!“

„Als Schurken pflegten immer anzuklagen
die Wechsler den, der Zins und Gold gebannt,
und ihnen Kampf hat offen angetragen.
Den haben stets sie noch aufs Kreuz geschlagen,
denn ungestraft hat keiner sie erkannt.“

Für Selbstbestimmung, Herkunft, Muttersprache
trat ich nun an: „Die Formel für die Welt
heißt Tod dem Zins! Er ist der böse Drache!
Fluch dem Parteien! Vaterland erwache!
Und alle Macht dem Volk über das Geld!“

Ich sprach und sah sich Wogen mählich glätten,
der Haß erlosch, verflogen aller Streit.
Von Deutschland sprach ich und vom Traum, zu retten
die Welt von Zinsesschuld und deren Ketten
durch eine Formel der Gerechtigkeit.

Sprichst vor den andern Du in Deutschlands Namen,
das zählt wie Freibrief, wie ein Ritterschlag!
Der Kampf der Väter säte diesen Samen,
wir ernten nur, die wir erst später kamen.
So hielt ich stand auch diesem dritten Tag.

 

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Abschied von Deutschlands Pferden

(Vom letzten Auftrag)

 

von Gerd Honsik

Sie traten mit den Vätern aus der Nacht
und trugen Korn und Äxte auf dem Rücken
und hielten schnaubend an den Feuern Wacht,
mit wilden Nüstern und mit sanften Blicken.

Und durch das Dickicht brach sich das Gespann
der ersten Wege zaghaft scheue Breite
und schleifte stampfend Stämme aus dem Tann,
dem Urwald raubend unserer Fluren Weite.

Sie rangen keuchend, wankend sich voran
mit urgewaltig schweren, wüsten Lasten.
Schwer wog das Roß, und schwer wog auch der Mann,
und schwer die Fäuste, die die Zügel faßten.

Sie trugen Helden in der Schlacht Gebräu
für eine Handvoll Hafer statt um Ehre,
und äugten aus dem Walde stumm und scheu,
da Siegfried stürzte unter Hagens Speere.

Und schleppten Panzerreiter durch den Sand
und haben aus dem Jordanfluß getrunken,
und wie sein Kreuzheer sind in fernem Land
mit Kaiser Barbarossa sie versunken.

Und da’s hier „Papst“ – hier „Martin Luther“ gellt,
zermalmten sie mit flüchtig-wilden Hufen
den deutschen Acker, den sie einst bestellt,
den sie in Fron von tausend Jahren schufen.

Bis endlich kraftlos aus dem Sattel fiel
der irre Ungeist, der sie hat geritten,
da trotteten, mißbraucht und ratlos still,
zurück zum Pfluge sie mit müden Schritten.

Und alle Fuhren, die sie eingeholt, –
die Ernte des Jahrtausends bleibt vergessen
vorm Opfer, das sie brachten ungewollt,
da sie die Schlachtbank all des Kampfs durchmessen.

So manches stolze, edle deutsche Roß
hat sterbend unterm Sattel ausgelitten,
da Preußens König, auserwählt und groß,
dem wankend’ Heer zum Sturm vorausgeritten.

Auch deutsche Rosse waren es vor Wien, –
die hier voran der Türken Macht durchbrochen.
Man hat, als seine Reiterschar erschien,
zum erstenmal von Prinz Eugen gesprochen.

In Rußlands Steppen, in Isonzos Karst
erwies sich hohl der Donner der Maschinen.
Durch Fels und Schnee, der rings von Feuer barst,
wankte das Packpferd, von der Schlacht umschienen.

Als todgeweihte Schwere Reiterei
moderner Feuerwaffen Sturm durchschritten,
und da sie niedersanken Reih auf Reih,
da schienen sie dem Schmerz der Schlacht entglitten.

Ein letztes Mal erzwang ein düst’res Los
sie, mitzuzieh’n zum größten aller Kriege.
Noch einmal unentbehrlich ward das Roß
und trug die Lasten für die großen Siege.

Bis dann zu Ende neigte sich die Schlacht,
die Dämme barsten und die Fronten wankten.
Es schien ihr letztes Opfer längst vollbracht, –
bis jählings Deutschlands erste Dörfer brannten.

Der Kinder Weinen und der Weiber Not, –
die rief noch einmal sie in die Geschichte
des deutschen Volks zurück, und Flucht und Tod
schlug ihren Traum vom Gnadenbrot zunichte.

Durch Pommern und durch Preußen ging die Fahrt –
mit dürren Rippen und mit hohlen Flanken.
In Planenwagen führten sie verwahrt
ihr Kleinod mit – auf morscher Achsen Schwanken.

Schon wehte Kampfeslärm von Osten her,
und Frauenhände griffen in die Zügel, –
nicht minder zielbewußt, nicht minder schwer –,
und Panzerlärm schwang schon durch Hain und Hügel.

Nie, Rösser, habt ihr Größeres versucht
in eurem Dienst von mehr als tausend Jahren,
da Deutschlands Kinder – auf der großen Flucht –
ihr Tag und Nacht durch Kampf und Tod gefahren.

Ach, wieviel Blut hat Mensch und Tier gezollt,
das ungesühnt wird rauchen alle Zeiten,
wenn irgendwo von Panzern überrollt
der flücht’ge Treck ward in des Ostens Weiten.

Wer weiß vom Marsch noch übers große Haff,
da tausend Wagen – wie den Zug der Goten –
die Faust des Feindes ohne Gnade traf,
und da vom Himmel Bordgeschütze tobten?

Dank euren Nüstern, Pferde, die so sanft, –
da Mütter tränennaß die Wangen preßten
an eure Häupter, grau und ohne Glanz –,
bei jener großen, letzten Hast nach Westen!

Bei klammem Frost, in eisig’ Sturm und Schnee
seid ihr am Memelstrome aufgebrochen,
und dann – am Ziele – grünte schon der Klee,
als müde Trecks die Oder überkrochen.

Längst haben Jahre gütig Schutt getürmt,
verweht die Wagenspur, das Leid verklungen,
in Herzen nur begraben und beschirmt,
da hat das Lied vom Pferde fortgeklungen.

Sah jüngst Trakehner unterm Sattel geh’n,
sah helle Blessen, sah die Augensterne,
sah Hufe wirbeln wild und Schweife weh’n
und hab’ zurückgeschaut in weite Ferne.

Und weiter schwingen wird der Hufe Schlag. –
einst Fluchtgefährte für so viele Wochen –,
wird uns geleiten bis zum jüngsten Tag
wie eines deutschen Herzens stetes Pochen.

Mich würgt wie Heimweh eine Traurigkeit,
und trautes Schnauben klingt noch in den Ohren.
Nach tausend Jahren der Gemeinsamkeit, –
im grellen Lärm, im Fauchen der Motoren –,
hat, mit dem Traum vom Reich und Herrlichkeit,
des Pferdes treue Fährte sich verloren.

 

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Albtraum in fremdem Land

 

von Gerd Honsik

In fremdem Land hat mich ein Traum geplagt.
Es ließ mein Gott im Zorn mich vor sich treten:
„Dein Volk ist tugendlos“, hat er gesagt,
„und ohne Mut. So ist es nicht vonnöten,
hat keine Jugend mehr, die kämpft und wagt
und keine Herzen mehr, die unverzagt.
Werf‘ s in den Trog, den Lehm erneut zu kneten!“

Ich rief: “Halt ein!“, vor Schrecken wie gebannt,
und meine Stimme flehte voll Entsetzen,
und Gott hielt inne, schon zur Tat gewandt,
hielt an den Plan, die Stürme loszuhetzen.
„Wird mir von Dir auch nur ein Held genannt
unter den Lebenden aus Deinem Land
bin ich gewillt das Urteil auszusetzen!“

Da fielen mir die alten Damen ein!
Ein jeder Ort hat hier ein solches Wesen
(mag Grete, Lisbeth hier ihr Name sein
ist er wohl Ingrid, Elfi dort gewesen),
das fern von Glanze und von eitlem Schein
auszog – in Sommersprossen und allein –
der Schöpfung ärmste Dulder zu erlösen.

„An Calpes Klippen und in Palmas Sand,
da traf ich sie auf allen meinen Reisen,
verspottet Herr, wie der, den Du gesandt
dereinst, die Hungernden der Welt zu speisen.
Die Art von Frau, die da in fremdem Land
den Tieren hilft, sei Dir als Held benannt!
Da grollte Gott: „Wer kann mir das beweisen?“

„Ruf nach den Hunden, Herr, an Spaniens Strand,
frag sie nach jenem selt‘ nen Fabelwesen,
das da und dort irrt durch der Sonne Brand,
um Deine Kreaturen aufzulesen,
die es oft krank und nah dem Tode fand!“

Da hub ein Heulen an im ganzen Land
und tausendfach klang‘s aus dem Zeugenstand:
An deutscher Güte, Gott, sind wir genesen!“

 

Inhalt

 


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Der Mantel

(Abschied von Onkel Fidel. Nach dem Bericht des Nachtportiers Graf Alexander Palffy.)

 

von Gerd Honsik

1. Teil – Alexander

War schäbig auch sein Anzug anzuseh’n,
er selbst ein Männchen – unansehnlich klein –,
so konnt’ er doch als Edelmann besteh’n,
auch wenn’s nach Fusel roch und rotem Wein.

Die achtzehntausend Hektar, die verloren,
die dreißig Güter alle, die verspielt,
schienen entrückt. Und nach der Art der Toren
pflegt er zu lächeln – gütig und beglückt.

Mild blieb sein Lächeln, wenn ihm aufgetragen
die Hausknechtsarbeit wurde, Nacht für Nacht.
Nur einmal, als ein kleiner Hund geschlagen,
ist jäh der Ritter in ihm aufgewacht.

Er warf dem Täter furchtlos sich entgegen:
Der Muselman erschrak und wich und schwieg.
Ein Don Quichotte – nur ohne Roß und Degen –,
genoß er damals, fauchend, seinen Sieg.

Auf stiegen Bilder mir aus fernen Tagen:
Sah seine Ahnen reiten für das Reich.
Sah sie im Sturm den Doppeladler tragen
am fernsten Wall des alten Österreich.

Und dachte, wie Graf Palffys Reiter stießen
in schwerster Stunde zu des Kaisers Reihen,
und hör’s von Wien her, wie Kartaunenschießen
und hunderttausendfaches „Allah“-Schreien.

Und einen greisen Grafen seh’ ich neigen
sich an das Ohr der jungen Kaiserin
um rettend schnell – zu Preßburg – aufzuzeigen,
wie zu gewinnen wär’ der Ungarn Sinn.

Und in des Habsburgreiches letzten Wehen
seh’ für Franz Joseph haltend Totenwacht
ich einen Palffy treu und einsam stehen –
für seinen Kaiser in der finstern Nacht.

Hat dieses Land kein bess’res Los gefunden
für solch edler Ungarnfürsten Sproß?
Ich stamm’ von Kutschern! Doch in manchen Stunden
fühl’ ich die Schuld an ihm bedrückend groß.

Die hohen Herrn, die ihm seither befahlen,
dünken sich hocherhaben und gerecht,
doch in der Haltung, in den Gesten allen,
da blieben Krämer sie und blieben Knecht.

Und alle Tugenden, die Männer preisen,
er trug sie mühelos in sich vereint.
Doch er verbarg sie. Wollte nichts beweisen.
Nur dann und wann bewies er sich – dem Freund.

Und eines Tags, da hat er mir berichtet,
wie er von Onkel Fidel Abschied nahm,
und wie der Edle damals ward gerichtet.
Sein Lächeln wich – für Bitternis und Gram.

2. Teil – Alexanders Bericht

In jenen Tagen, da das Reich gefallen,
in Bombenhagel und Tatarenflut,
da riß es mit die treuesten Vasallen
in einem Strudel von Gewalt und Blut.

Zwar – Onkel Fidel war die Flucht gelungen,
er hatte Salzburg glücklich schon erreicht,
doch hat ein Wort ihn dann zurückgezwungen:
„Es ist kein echter Palffy, wer entweicht.“

Die alte Mutter war’s, die ihn beschworen:
„Beweise ihnen, daß du schuldlos bist.“
Er ging nach Budapest und war verloren
als Exminister, Edler und Faschist.

Ich schlief mit meinem Vater in dem Stalle,
wo unsre Rosse einstens eingestellt.
Der Pöbel zechte oben in der Halle
in dieser auf den Kopf gestellten Welt.

Da hörten Kolben wir auf Bohlen krachen
und schreckten hoch aus unserm Bett von Stroh:
Im Morgengrauen harrten unsrer Wachen
und brachten uns die Nachricht, kalt und roh:

„Ihr Bruder hat noch vierundzwanzig Stunden,
sein Todesurteil sprach das Volksgericht.

Ein Grund zur Gnade wurde nicht gefunden.“
Sie schrie’n es meinem Vater ins Gesicht.

Da brachen auf wir zu dem schweren Gange.
Ich hielt mich mühsam an den Krücken fest,
und Schmerz trieb Schweiß mir über Stirn und Wange:
Die Wunde aus der Schlacht um Budapest!

Und Vater tauschte seinen Diamanten
für eine Thermosflasche voll Kaffee
(bei einem Juden, den uns Freunde nannten)
nach langem Feilschen, gnadenlos und zäh.

Dann sind vor Onkel Fidel wir gestanden,
ade zu sagen ihm für alle Zeit.
Wir quälten uns, auf daß wir Worte fanden,
und haben uns vor deren Klang gescheut.

Nach dem Kaffee, da langte nun der Posten:
Er müsse prüfen, ob nicht Gift drin wär’.
Er setzte an und fuhr dann fort zu „kosten“,
bis schließlich bald die halbe Flasche leer.

Als er sie endlich Onkel Fidel reichte,
da goß ihm der den Rest ins Angesicht:
„Die letzte Sünde, eh ich morgen beichte!
Mit Schweinen trinken Grafen Palffy nicht.“

Der Posten wagte nicht, sich drum zu rächen,
und Onkel Fidel warf mit schneller Hand –
wie’s Ungarnsitte sonst bei frohem Zechen –
das Trinkgefäß aufbrausend an die Wand.

Und als bezähmt er seines Zornes Beben,
da hat er Gruß um Gruß durch uns bestellt,
an die, die ihn begleitet durch sein Leben.
So nahm er sorgsam Abschied von der Welt.

Bis schließlich er sein karges, letztes Eigen,
das er besaß, bedacht an uns verschenkt.
Wir zwangen mühsam uns dazu zu schweigen,
aus Angst, ein Einwand hätte ihn gekränkt.

„Den Ring, den sollt ihr meiner Mutter geben.
Du, Bruder Stefan, nimmst die Uhr von Gold.
Und hast du Hunger, tausch’ für Brot sie eben.
Ihr mögt das Bißchen nützen, wie ihr wollt.“

So fuhr er fort, verteilend seine Habe.
„Hier das Rasierzeug und die Lederschuh’!“
Für jeden hatt’ er eine kleine Gabe.
„Die Stiefel, Alexander, die nimmst du!“

Doch plötzlich hielt er inne im Verschenken,
fast schien er mir verlegen und verschämt.
„Den Mantel brauch’ ich. Sollt mir’s nicht verdenken!“
(Ein gutes Stück, mit teurem Fell verbrämt.)

„Doch wißt, wenn sie mich morgen werden führen,
den letzten Weg, durch all der Gaffer Reih’n,
ist’s mir nicht recht, müßt’ ich die Kälte spüren!
Denn sollt’ ich zittern, würd’s den Pöbel freu’n.

Die sol’n nicht glauben, daß aus Angst ich bebe!
Ich fürcht’ die Kugel nicht, die mir bestimmt.
Laßt mir den Mantel drum, solang ich lebe,
auch wenn ihn morgen sich ein andrer nimmt.“

Der Pöbel kam und johlte, grölte, höhnte!
Wie gut, daß er den Mantel nicht verschenkt!
Doch statt der Kugel, die bestimmt er wähnte,
ward langsam er an einem Pfahl erhängt.

 

Inhalt

 


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Der Mohr von Memmingen

Vom Gang der SS-Maid Friedl B. in die US-Gefangenschaft
(Geschrieben für Friedls achtzigsten Geburtstag, der 2006 im Waldviertel begangen wurde.)

 

von Gerd Honsik

Es zählte die Friedel erst achtzehn Jahr’,
als den Berghof die Feinde nahmen.
Und sie trieben der Mädel bange Schar,
die den rauchenden Trümmern entkamen,
in das Camp, das eilig errichtet war,
mit der Waffen-SS zusammen.

Und der Hunger kam, Verhör und Gewalt
und der Schlamm. Wo Rinder sonst weiden,
es teilten die nackte Erde kalt,
Latrine bei Durchfall und Leiden
und Wassersuppe ohne Gehalt
sich die Burschen dort mit den Maiden.

Als schließlich nach Wochen die Küche stand,
hat die Stunde der Mädchen geschlagen:
Schnell an den Herd, die Feuer entbrannt!
Und sie kochten mit hungrigem Magen,
heimlich sich stillend mit flinker Hand
den Hunger von sechzig Tagen.
Ein kärgliches Mahl nur wurde gereicht
den Hungernden in den Zelten,
das zum Sterben gerade hätte gereicht:
Welch grausam und grundlos Vergelten!
Und ein tapferes Herz, das sich erweicht,
das fand man nur heimlich und selten.

Als endlich der Abend kam, hieß es dann:
„Abmarsch zu den Quartieren!“
Ein baumlanger Neger brüllte sie an,
zu gefallen den Offizieren:
„Mädchen nix schmuggeln Essen für Mann!
Sonst Arbeit in Küche verlieren!“

Und sie traten in langer Reihe an
und bebend zur „Leibesvisite“.
Er packte sie rauh und gleichmütig an
bis zum Schritt und auch um die Mitte.
Erst als Letzte dann war die Friedel dran,
totenbleich und mit wankendem Schritte.

Verschnürt an den Knöcheln das Hosenbein,
den Overall voll! Ab den Waden
die Beute gestopft und gepackt hinein:
Brot! Brot für die Kameraden!
Und in ein schwarzes Antlitz von Stein
nun blickt’ sie, mit Diebsgut beladen.
Doch da! In dem pechschwarzen Angesicht
ein Zwinkern schien jäh zu erblühen,
so wie im Dunkel oft funkelt ein Licht,
indes er gegrollt und geschrieen:
„Du schlechtes Weib! Ich Dich anfassen nicht!“
Und noch brüllend ließ er sie ziehen.

Und so ging es weiter dann wochenlang.
Sie alleine wollte es wagen
und hat viele Male am Leibe bang
in die Zelte das Brot getragen.
Und des Negers gespieltes Toben klang
bald milder in folgenden Tagen.

Es ging dann eines Tags zum Verhör:
Schon morgen, da könne sie gehen,
denn es gelte, wer aus Österreich wär’,
nun als „schuldlos“. Das wäre doch schön?
Drauf Friedel: „Nein, dann bleibe ich, Sir!
Ich bin Deutsche. Sie werden verstehen!“

Und für ihr Bekennen hat sie bezahlt,
die Friedel, die Stolze, die Treue,
mit weiteren Jahren in der Gewalt
der Sieger und trug keine Reue –
von der Hintergrundmächte Mißgestalt
bestraft und versklavt drum aufs Neue.
Den Mohren jedoch, den vergaß sie nicht,
der einst hinter Poltern und Brüllen
und einem kohlschwarzen Angesicht
verbarg den entschlossenen Willen,
satanische Pflicht zu erfüllen nicht
und den Hunger der Deutschen zu stillen.

Wenn später einmal der Morgen getagt,
der die Lüge wird schlagen zuschanden,
und wenn die Nachwelt voll Ehrfurcht fragt,
wer damals für Deutschland gestanden,
erzählt von der jungen Friedel und sagt:
„Sie hat alle Proben bestanden.“

 

Inhalt

 


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Der Neger von Kurpfalz

Vom Zusammenstoß mit einer US- Militärstreife im Sommer 1945.
(Nach einem Bericht von Dr. Ernst K.)

 

von Gerd Honsik

Drei zogen müde über deutsche Erde,
– das große Feuer hatte ausgebrannt –,
und dachten daran, was nun kommen werde
und strebten heimwärts, möglichst unerkannt,
hier Löwenzahn gerupft am Wegesrand,
dort Brot und Suppe gar von einem Herde.

Wir schliefen im Gestrüpp, scheu wie die Diebe,
daß man uns nicht – vom Schlachtentod verschmäht –
nun doch versklavt und in die Knechtschaft triebe.
Wir ahnten, daß das Sterben weiter geht
im Hunger, der geplant. Am Wegrand öd
stand leis’ der Tod, zu sehen, wo er bliebe.

Motorenlärm! Gefahr! „Dort naht ein Wagen!“
„Nur Ruhe jetzt, sonst schöpfen sie Verdacht!“
Sie hielten an. Ein Prüfen und ein Fragen:
„Entlassungsschein?“ Der Schwarze hat gelacht.
Und dann auf Deutsch: „Papiere gut gemacht!“
Sind wir entdeckt? Wir wähnten uns geschlagen.

Jedoch sieh’ da: Er reicht’ vom Wagen nieder
die plumpe Fälschung, die er hat erkannt,
fuhr fort auf Deutsch: „Ich kommen später wieder!
Ihr warten hier auf mich am Straßenrand!“
Der Seinen keiner sonst, der Deutsch verstand.
Wir ließen bangend uns am Raine nieder.

Er kam zurück nach mehr als einer Stunde,
mit schwerem Sack und querfeldein, zu Fuß.
„Das sein für euch!“, klang es aus seinem Munde,
und Brot und Dosenfleisch und Pflaumenmus,
das türmt’ er auf und lächelte zum Gruß,
gebleckt die weißen Zähne in die Runde.

„Mein Vater war Soldat im Ersten Kriege
für German Kaiser: Immer vorwärts, ‘ran!
In Afrika stand einstens seine Wiege.
Uns immer sagen: German gutes Mann,
und lernen Deutsch und immer denken d’ran:
Mit Lettow-Vorbeck viel Askari-Siege!“

Was and’re säten, uns war’s zugemessen!
Wir drückten alle seine schwarze Hand
und gierig schlingend haben wir gesessen.
Der Mohr, die Schuldigkeit getan, verschwand,
doch keiner von uns jemals hat das Band,
das seinen Stamm mit unserm Volk verband,
bis an das Ende seines Wegs vergessen.

 

Inhalt

 


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Der Ritt über das Haff

Eine Flucht aus Ostpreußen.
Ein Einzelschicksal mit dichterischer Freiheit, jedoch im Bemühen um historische Wahrhaftigkeit, nacherzählt.

(Die Begleitumstände sind einem Tatsachenbericht der Zeitschrift „Der Spiegel“ über Flucht und Vertreibung entnommen.)

 

von Gerd Honsik

Die Wehrmacht im Rückzug.
Der Hauptmann spricht:
„Wer den Tod herbeisehnt,
mag weilen,
doch lasset, Graf,
da die Front nun zerbricht,
das gräfliche Fräulein
im Schlosse nicht!
Wer sein Leben liebt,
der muß eilen!“

Der Graf allein
ist zu bleiben bereit,
doch die Tochter will nicht
von ihm lassen.
Der Treck längst vorbei schon,
es rinnt die Zeit!
„Sattelt ein Roß ihr!“,
der Vater schreit,
„bald nahen
die feindlichen Massen!“

Der Stallmeister wählte
das wildeste Pferd
unter hundert aus
im Gestüte,
das im Drang nach vorn
sein Feuer verzehrt
doch zum Reiter
die sanfte Seele kehrt:
Ein Trakehner
von hohem Geblüte!

Es reicht der Vater
dem Mädchen empor
noch der toten Mutter
Geschmeide,
der Stallmeister füllte
den Sattel zuvor
mit Wegzehrung,
die er ihr auserkor:
„Mein Fräulein, ‘Glück auf!’
für Euch beide!“

Und das Tor springt auf –
es stürmt in die Nacht
Sleipnir, der Hengst!
Welch ein Reiten!
Als hätt’ er der Hufe
nicht vier – nein acht
schlägt der Wirbel, den
sein Hufschlag entfacht
durch unendlich
scheinende Weiten.

Dampf bricht aus Nüstern,
kohlschwarz ist das Tier,
es wogt durch
der Wetter Gezeiten,
verwoben im täuschenden
Mondlicht schier
dem kostbaren Pelz,
– der Reiterin Zier –,
auf dem golden
die Locken sich breiten.

Einst haben gen Osten
das Ordensheer
des Hengstes
Ahnen getragen.
Doch er flieht
mit kostbarer Last zum Meer
und Notzucht und Mord
sind hinter ihm her!
Wie getreulich
die Hufe doch schlagen!

Der Fluchtweg versperrt
schon längst über Land!
Steht der
übers Haff noch offen?
Wo der große Treck
gestrebt nach dem Strand,
übers Eis getrieben
von Mord und Brand,
von Fliegern gejagt
und getroffen?

Das gefrorene Haff
– einer Wüste gleich –
mißt wohl sechzig
mal sechzehn Meilen.
Die eisige Flut
hält‘s begraben bleich
mit sprödem Eis,
drauf ein Leichentuch weich
von Schnee, das
die Winde durcheilen.

Den Weg wies
die Wehrmacht dem Elendszug
mit Zeichen
aus Kiefernzweigen.
Als Schnee diese deckt
gab es Kindlein genug,
erstarrt der Mutter
im Arm, die sie trug,
die der Nachhut
die Richtung zeigen.

Man nannte sie „Püppchen“,
die Leichen zart,
die verwaist die Spur
gestern säumten.
Nun hält der Neuschnee
die Opfer verwahrt,
und das Eis schloß sich
wieder knochenhart,
wo versinkende
Rosse sich bäumten!

Die Reiterin hofft
auf Fährten der Flucht,
doch findet sie
nirgendwo Zeichen!
Verloren, wer bang
jetzt zaudert und sucht,
denn es gilt
– im Rücken der Winde Wucht –
die offene See
zu erreichen!

„Wo wollt Ihr denn hin
in den Böen schwer?
Wie wollt Euren Weg
Ihr denn finden?“
Kein Stern und
der Himmel unendlich leer,
nur der Sturm weist den Weg:
landab zum Meer!
So stieben sie denn
mit den Winden!

Der Mond bricht durch Wolken,
zeigt wüstes Gefild
in silbrig-
gespenstischem Lichte.
Sturm bringt auch Kristalle
von Eis und verhüllt
den beiden Mähne
und Blondlocken mild:
Erst schmückt er,
dann schlägt er zunichte!

Horch! Brandung von fern!
Die Wehrmacht! Das Meer!
Sie taumelt,
dem Sattel entglitten!
„Sag Mädel, wie ist Dir?
Wer bist Du? Wer?
Du und Dein Roß?
Sag, wie kamt Ihr hierher?“
„Mit dem Sturm …
übers Haff geritten!“

Umringt von den Unsern!
Oh Helme grau!
Sanft haben
Soldaten gebettet
zu todwunden Kriegern
die junge Frau
auf den letzten Kahn!
„Und nun kappt das Tau!“
Eine letzte Seele gerettet!

Der Vater? Die Wehrmacht?
Und Sleipnir der Hengst?
Die Schatten im Traum nach Dir fassen!
Kein Tag, wo nicht Bilder, versunken längst,
auferstehen und Du derer gedenkst,
die zurück Du im Sturme gelassen.

Inhalt

 


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Der Untergang von Dresden

(Nach dem Bericht eines Augenzeugen.)

von Gerd Honsik

Auf Rädern, Hufen, Achsen kriecht ein Wurm.
In Abertausend Wagen, Kutschen, Karren
Kommt’s angekreucht, gekrochen und gefahren –
einhergetrieben vor dem großen Sturm.

Die Elbestadt nimmt all die Menschen auf!
Sie lagern sich in Straßen, Plätzen, Gärten,
mit Kindern, Karren, Kochgeschirr und Pferden.
Aus kleinen Feuern sickert feiner Rauch.

Um jede Stunde, um Hügel und Rain
ringen fern indessen deutsche Soldaten,
die Frist zu erkaufen im Feuerschein
der Schlacht, die da giert nach Tod und nach Taten.
Der Fliehenden aber lauert schon Kain.
Am Himmel nahen schon düstere Schatten.

Da heulen plötzlich die Sirenen auf!
Doch sinnlos scheint ihr Jammern dieser Stätte.
Im Schoß der Kirchen und der Lazarette
nimmt gnadenlos das Schicksal seinen Lauf.

Dröhnt nicht im Westen jetzt ein fremder Laut?
Klingt weit und ferne nicht ein leises Summen?
Schon schwillt es an zu bösem, lautem Brummen,
das, wachsend, sich zu wildem Tosen staut.

Das größte Heer, das je am Himmel zog, –
die Flotte der „Vereinten Nationen“ –,
trat an zum Morde an Zivilpersonen,
da es die Elbe brausend überflog.

Vom Himmel hoch, da heulen nun herab
Brandbomben tausendfach und sausen nieder,
und drüber hin, auf silbernem Gefieder,
kreist kalt der Mörder, der das Nest zertrat.

Ein qualvoll Stöhnen später: „Dresden brennt!“
Da taumeln Häuserzeilen hin wie Plunder,
und Phosphor sprüht, und Stein verglüht wie Zunder!
Es wankt die Erde und das Firmament.

An Hunderttausend sterben in der Wucht
des ersten Schlages noch an Ort und Stelle.
Doch angebrandet kommt die nächste Welle
und trifft ins Herz der wüsten, irren Flucht.

Der Ordnung unsichtbarer Zügel reißt:
Da jagen Rosse, die zerfetzten Stränge
mit nach sich reißend, in die Menschenmenge,
die eilt und rast und doch kein Ziel mehr weiß.

Vom Bombenbersten ist die Luft durchgellt.
In Panik tobt die Masse durch die Straßen,
verbrannt, verstümmelt über alle Maßen,
und trampelt nieder, was da strauchelnd fällt.

Der Kinder blondes Haar wird schwarzer Staub,
und blaue Augen schmelzen aus den Höhlen.
Gedankenschnell verkohlen und verschwelen
der Menschen Häupter in der Hitze Raub.

Es stellte sich dem siedenden Orkan
die Feuerwehr der Stadt getreu entgegen.
Vierhundert Männer wagten drum ihr Leben!
Sie sind gefallen bis auf einen Mann.

Nach seiner Puppe flennt ein kleines Kind,
in einem Hausflur steht’s, verirrt, vergessen,
begreift nichts mehr und kann noch nichts ermessen,
und seine Augen sind vor Tränen blind.

Bald brennen Häuser, Bäume und Asphalt,
die ganze Stadt scheint schon ein Raub der Flammen,
und Menschen brennen, hilflos, jung und alt,
und in den weiten, öden Himmel bahnen –
aus Qualm und Asche, riesig von Gestalt –
den Weg sich kriechend schwarze, zähe Fahnen.

Indessen Phosphor auf sie niederspritzt,
da folgten hunderttausend einem Rufe
und stürzten rasend nun hinaus zum Flusse.
„Zur Elbe“, gellt es, „dort sind wir geschützt!“

Da drängen Löwen in der Kinder Lauf!
Es brennt der Zoo, es barst das Raubgehege,
und Tier und Menschen folgen einem Wege,
denn Qualm und Tod hebt alle Schranken auf.

Die sich gerettet wähnen auf dem Feld,
hat längst der Mörder aus der Luft gesichtet,
und schnelle Jäger haben bald gerichtet
die Fliehenden und um die Flucht geprellt.

Vom Feuerscheine ist der Strom umloht.
Die Silbervögel stürzen immer wieder
auf dieses Meer von Weibern, Kindern nieder,
und Bordgeschütze spenden reichen Tod.

Hoch über allem Tosen steht ein Schrei
aus hunderttausend Kinderkehlen: „Mutter!“
Doch längst sind sie schon zu Kanonenfutter
verdammt und hingemäht wie dürre Spreu.

Und Mütter schreien, herzzerreißend, wild,
nach Hans und Gretchen, Walter, Fritz und Liese.
Fort fährt das Morden auf der großen Wiese,
wo Blut in Bächen auf den Rasen quillt.

Da werfen Frauen schirmend ihren Leib
zehntausenfach – gehorchend dunklen Trieben,
im Wahn, zu retten – über ihre Lieben!
Den Heldentod stirbt hier das deutsche Weib.

Des Reiches Untergang, des Führers Fall,
der nahe Sturz der ringenden Armeen
genügte nicht! Der Mütter Höllenqual,
das letzte Schluchzen deutscher Kinderseelen,
das unersättlich hier der Feind befahl,
mag fürderhin sein Mordgesicht erhellen.

Im Herz des Feuers viele tausend Grad,
erklimmt des Flächenbrandes wildes Glühen,
und senkrecht rasend in den Himmel fliehen
verglühte Lüfte einen roten Pfad.

Das Maul des Feuers giert nach neuem Fraß,
und unersättlich reißt es nah am Boden
Gebirge frischer Luft in seinen Odem,
herbei sich schlürfend ohne Unterlaß.

So stiehlt ein fremder Mörder sich zum Raub:
Wie ein Geschoß prescht durch die Schlucht der Straßen
der Feuersog, um Mensch und Roß zu fassen,
und fegt sie mit wie Herbstwind morsches Laub.

Es krabbelt jetzt in wilder, toller Hast
ein Meer von Menschen abwärts in die Keller.
Der heiße Tod jedoch ist heute schneller:
Die Atemluft wird sacht von ihm verpraßt!

Man findet später sie – wie unversehrt
und kaum berührt von Feuertodes Fängen –
aufrecht in vollgepferchten Kellergängen,
die Münder aufgesperrt, den Blick verstört.

Im Stehen sind ganz langsam sie erstickt!
Da war nicht Raum, um sterbend hinzusacken,
und angeklammert an der Mütter Nacken,
da hängen Kinder, frisch vom Tod gepflückt.

Die geile Zunge hat die Feuersbrunst
nach der Geburtenklinik nun gestreckt:
Hochschwangere Frauen, auf den Tod erschreckt,
die tauchen, halbnackt, auf aus Qualm und Dunst.

Da regt sich Leben, längst verdammt zum Tod.
Es kreißen kniend – gleich an Ort und Stelle –
vereinzelt Weiber in der Flammenhölle
gebären Kinder, winzig, naß und rot.

Sie hasten weiter mit der zarten Brut,
doch Frost und Hitze kennen kein Erbarmen:
Erfror’ne Neugebor’ne in den Armen –
so sterben Mütter in der Flammenglut!

Da – wieder taumelt eine aus der Spur!
Ein Spritzer Phosphor schlug ihr tiefe Wunden.
Dem Kind im Arme ist sie noch verbunden
im Todeskampfe durch die Nabelschnur.

Das Lächeln, das wir liebten, das Gesicht,
was Väter, Brüder, Söhne heilig wähnten,
zermalmt, zertreten unter Feuerbränden,
erdrückt vom Schutt, der prasselnd niederbricht.

Jetzt birst das Lazarett im Bombenschlag,
und tausend Krüppel humpeln, hasten, kriechen!
Am Rücken schleppt ein Blinder einen Siechen,
der ihm den Weg weist nach dem Jüngsten Tag!

So wie die Wespen aus versengtem Nest,
so quellen Kriegsversehrte aus den Fenstern
und krabbeln, hüpfen, tanzen, gleich Gespenstern,
mit blut’gen Stümpfen auf das wüste Fest.

Als sie die Feuerwand rundum umbuhlt,
da wird ihr Zucken, Drängen, Trachten leiser,
das erst verstummt, als sich der Brand schon heiser
grollend als Sieger auf der Walstatt suhlt.

Zur selben Zeit, zum Schloßteich auf dem Platz,
da drängen Menschen her aus allen Gassen.
Ins Wasser taumeln sie in dichten Massen,
gejagt, gepeinigt von des Feuers Hatz.

Sie suchen Kühlung der verschorften Haut, –
doch Phosphorbrand, den kann kein Wasser dämpfen.
An hebt ein Ringen, Drängen und ein Kämpfen,
und Weiberschreie gellen irr und laut.

Es füllt der Teich sich quellend bis zum Rand.
Die untersten zerquetscht, zerdrückt ertrunken,
die oben schon erstickt im Sturm der Funken,
und um den Riesenkochtopf brüllt der Brand.

Ein Dutzend Kilometer im Quadrat,
des heißen Brand’ und Tod’ zuletzt ihr eigen.
Wo noch vor Stunden eine deutsche Stadt,
da schwelen Trümmer, und Ruinen zeigen
aufwärts zum Tor, durch das der Mörder trat,
und klagen an als schamhaft stumme Zeugen.

Ringsum das Tagwerk grauenhafter Wut:
Verschmorte Kinder an verkohlten Brüsten, –
verrenkt ein Meer von Gliedern, Schultern, Hüften –,
gegart, gesotten in gekochtem Blut.

Noch viele Tage hat’s geglost, geschwelt
hier auf dem Schlachtfeld, nach dem großen Brennen.
Unstillbar aber blieben Schmerz und Tränen
für alle jene, die der Tod verfehlt.

Warum sie alle, fragt ihr, tot und stumm?
Warum die Jugend Deutschlands hier getötet?
Weil Deutsch die Sprache, in der sie gebetet,
drum hat man sie gemordet! Nur darum!

Nicht um den Glauben ging’s in diesem Krieg:
Aus zog die Welt im Schatten edler Fahnen, –
doch Neid war es und Mißgunst, was sie trieb.
Da sie dem Reiche Raum und Einheit nahmen,
schlug Kain den Abel, und der Mörder Sieg
trägt tief im Schoß der Rache eis’nen Samen.

Als tags darauf, mit ruhig festem Schritt,
getreu der Pflicht und voller bangem Ahnen,
die Bergungstrupps aus der Umgebung kamen,
hielt ich als Kriegsversehrter mühsam Schritt.

Da lag ein Heer von Leichen hingestreut,
umarmend sich im Tode, Kinder, Frauen,
und ich, bestellt – ein Zeuge all des Grauen –
ihr Grab zu schaufeln, lange vor der Zeit.

Gekommen war ich in der Locken Blond,
doch meine Jugend brach! Brach nicht am Tode,
sondern am Leide, das der Tod verschont.
Weiß ward mein Haar, als ich dem Aufgebote
endlich entrann und wieder heim – zur Front –
und vor den Feind kam, der von Osten drohte.

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Die Herren vom Hohen Haus

 

von Gerd Honsik

Ihr Haus
ist
das Parlament.
Hier halten sie Reden.
Hier stellen sie Anträge.
Hier stimmen sie –
über längst Bestimmtes –
ab.
Ernst!
Legal!
Würdevoll!
Wie heilig doch –
(Wer schnarcht denn da hinten?) –
Demokratie sein kann.

Und irgendwo,
weit hinter den
Ministerbänken,
in einem winzigen Versteck,
wohnt, vielleicht
(warum eigentlich nicht?)
in Gestalt
einer kleinen grauen Maus,
heimlich und inkognito,
Ihre Majestät,
die Freiheit.

 

Inhalt

 


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Ballade
von der Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel (Berlin)
und dem gütigen Philantrophen Ernst Zündel (Mannheim)

 

von Gerd Honsik

Frau Merkel jüngst bekräftigt hat:
„gemeinsame Geschichte“
zur Treue uns zum Judenstaat
„bedingungslos“ verpflichte.

So faselt sie, ihr wißt wovon:
daß Deutschland müsse schweigen
in Gaza und im Libanon
zum Völkermord, dem feigen.

Sie sagt, da Holocaust fand statt,
hieße für sie begründen
Komplizenschaft – zu böser Tat!
Ablaß durch neue Sünden?

Der Deutschen Bild hat sie entstellt
nach Art der Bolschewiken
im Bruderkuß vor aller Welt –
mit Bush voller Entzücken.

Der Menschenraub, die Folter steht
seither mit ihr im Raume.
Die Opfer mögen, wo sie geht,
verfolgen sie im Traume.

Die Dame ist auf freiem Fuß,
indessen Tritte pochen
für Deutschland ihren steten Gruß
seit dreimal hundert Wochen:

Ernst Zündel wandert, müden Schritts,
durch Kerker all die Jahre.
Hört ihr den Schritt? Geht ihn doch mit,
daß es die Welt erfahre!

Daß er gerichtet für sein Wort,
sei allem Volk berichtet!
Sie aber schmust mit Raub und Mord,
der Kumpanei verpflichtet.

Ein Mann für Deutschland? Ja! Bereit!
Zu Mannheim sie ihn richten.
Die Merkel? Wartet, bis es Zeit,
die Scheite ihr zu schlichten!

 

Inhalt

 


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Der Aufbruch

 

von Gerd Honsik

Es schwankt der Jüngling auf tanzendem Roß:
„Sag, Vater, wohin soll ich reiten?
Viel sind der Wege, die Erde ist groß,
und ich kann die Zeichen nicht deuten!“

Der bärtige Alte zögert und spricht:
„Es ist leichter zu helfen, denn raten.
Doch rat’ ich, gehe nach Norden nicht,
dort triffst du nur Schluchten und Schatten!

Siehe, im Süden, da weiß ich von Wein
und dunkler Mädchen Gestalten.
Dort wirst du gerne gesehen sein,
in den schattigen Schenken, den alten.

Oder ziehe nach Osten, gen Morgenland,
in das Reich der Märchen und Träume.
An die Fürsten verborge die Schwerterhand
gegen Gold und kostbare Steine.

Und locken dich Süden und Osten nicht,
so treibe dein Roß gegen Westen.
Südliche Wärme und nordisches Licht
blinkt über Erkern von Festen!“

Der Jüngling zaudert, er zügelt den Hengst:
„Mein Vater, noch eine Frage:
Wie hast du selber gewählt, an des längst
verflossenen Aufbruches Tage?“

Der Alte, der wendet sich barsch und bang:
„Ich selbst bin nach Norden geritten
und habe ein ganzes Leben lang –
vergeblich – für Deutschland gestritten!“

Frei schnellen die Zügel, und los stiebt das Pferd –,
so liebt es ein Jüngling zu scheiden.
In der Faust schwenkt er grüßend sein blankes Schwert,
hoch vom Kamm, wo die Wege sich scheiden.

Es schreit der Alte: „Wie hast du gewählt?
Was ist dein Ziel dir geworden?“
Der Jüngling ruft, daß es jauchzend gellt:
„Mein Vater, ich reite nach Norden!“

 

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Der Life Ball in Wien

 

von Gerd Honsik

Vor unserm Rathaus tanzen Lesben, Huren,
aus allen Toren quellen die Lemuren
und vorne weg der Wiener Bürgermeister,
ein Prototyp für allerkleinste Geister.
Lueger heißt er nicht, nicht Liebenberg!
Vor großen Namen schrumpft er ein zum Zwerg.
Wer ist der Wappler? Leute! „Häupl“ heißt er
und den Marsch der warmen Brüder preist er.

Schon naht der Zug der tausend nackten After!
Wie weit zum Abgrund? Seht dort drüben klafft er!
Die Großen aus Kultur sind kaum zu zählen,
die Clintons leihen selbst von ihrem Glanz,
gekrönte Häupter sind’s (zum Glück), die fehlen,
und bunt, aus Masken, Larven schwillt ein Kranz,
und Jubel quillt aus fünfzigtausend Kehlen.
Ach, Abendland, ist dies dein letzter Tanz?

Es halten Heerschau heut’ die Toleranten:
die schwulen Onkels und die schwulen Tanten.
Ein Geßlerhut für viele der Event –
drum kommt der Schaum auch vom Establishment,
von denen mancher sich rebellisch nennt,
obwohl er keinen Kerker kennt.
Und die Regie? Sie kommt vom fernen Westen
und wohnt verdeckt unter bizarren Gästen.

Dem Pfaffen war doch immer wieder wichtig,
daß Knaben keusch und Mädchen fromm und züchtig?
Was hat die ledig’ Mutter er gescholten,
die ewig lang als Sünderin gegolten!
Nun ziert der Feigheit Blässe sein Gesicht:
zum Schwulenfeste äußert er sich nicht.
Beim großen Defilee der grausig Sünden
bleibt er zu feig, von seinem Herrn zu künden.

Und während hinter deutschen Zuchthaustoren
ein Mahler und ein Fröhlich einsam schmoren,
für freies Wort verdammt auf neunzehn Jahr,
ferne der Sonne und schon weiß das Haar,
heult schamlos hier der Chor von „Toleranz“
mit nackten Hintern auf dem Reigentanz:
Man solle Adoptionen zugestehen
(von zarten Knäblein) auch den Schwulenehen.

Am Heldenplatze, nah der Kaiserkrone,
steh’ ich allein und hör’ die Mikrophone,
und ferne klingt das Schnattern und das Gurren
der Transen, Schwulen, Lesben und der Huren.
Ich denk’ der Toten in der nahen Gruft,
und her vom Rathausplatz weht Afterduft.

Im Dunkel die Bastei – wo einst die Scharen
des Kara Mustafa, die „Janitscharen“,
im Sturme auf die Bresche vorgedrungen
und sie zurückgeworfen worden waren
von Wiener Handwerksburschen und bezwungen.
Verwaist der Heldenplatz in tiefster Nacht,
der einstmals jauchzen sah die Million,
der deutsche Kaiser sah auf hohem Thron.
Kein Hoch- und- Deutschmeister hält hier noch Wacht.

Stumm bleibt die Glocke fern im Stephansturm,
die Sturm geläutet hat im Türkensturm.
Und Leere herrscht – ihr wißt – auf dem Balkone,
dahinter schweigend ruht des Reiches Krone.
Auf Quadern einsam nur – wacht ein Koloß:
der Held von Aspern! Karl! Hoch zu Roß!

 

Inhalt

 


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Elsässische Kinder

(Das verwunschene Dorf)

 

von Gerd Honsik

Der Felder Gold – ich hatt’ es längst geschaut –
und da: gediegne Heime ohnegleichen,
von Bauernhänden mächtig hingebaut
und nur mit andrer Schlösser zu vergleichen.

In diesem Dorfe, wo die Höfe schwer
im Schmuck der Erker und des Fachwerks thronten,
da kam bezaubert ich den Weg einher
und forschte nach den Menschen, die da wohnten.

Da – wieder Gold! – Gesponnen flog’s im Wind:
Der Kinder Haar! – Sie spielten mit dem Balle.
Doch als ich hintrat, flohen sie geschwind
dem Hause zu, verstummt mit einem Male.

„Bon Jour, Monsieur!“ Die Stimmen klangen hell,
und Augen forschten keck und hell und munter
und dennoch scheu. Da trat ich näher schnell
und stieg den Pfad zu ihrem Hof hinunter.

Sie blieben artig, – doch sie schwiegen stumm,
als gelt’ es einen Schatz vor mir zu wahren.
Doch welchen Schatz? Rasch trat ich näher drum,
um ihr Geheimnis schließlich zu erfahren.

Das Jüngste gab mir arglos lächelnd preis,
was da gehütet bei verschloss’ner Pforte:
Es plapperte ganz plötzlich und ganz leis’ –
in deutscher Mundart – ein paar kleine Worte.

Mit einem Schlage waren sie dahin.
Vergeblich hab’ ich ihnen nachgewunken,
bis mürrisch dann ein alter Mann erschien.
Der Zauber dieses Tages war versunken.

Da hat mir plötzlich vor mir selbst gegraut.
Was trat ich wie ein Blinder in die Saaten
und tappte läppisch, war so schrill, so laut
und zwang sie, ihr Geheimnis zu verraten?

Als ich dann ging, da kam es über mich:
Welch’ Stürme doch schon einstens überkommen
ihr stilles Dorf, und scheidend habe ich
von ihrem Kreuz ein Stück auf mich genommen.

 

Inhalt

 

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Der Mord von Alicante (20.11.1936 / für November 2013)

(Von der Hinrichtung des Gründers der spanischen Falange, des Dichters José Antonio Primo de Rivera durch die Antifaschisten am 20. November 1936 in Alicante. Nach dem Bericht seines Bruders Miguel.)

 

von Gerd Honsik

Ein Todesurteil. Unnahbare Richter.
Ein „Hokuspokus“, der Gesetze nennt.
Und über Roben jene Art Gesichter,
die man aus dunkelster Geschichte kennt.

Nacht war im Land. Nacht über Alicante.
Der Abschied hatt’ uns einmal noch vereint.
José Antonio sich bittend an mich wandte,
da ich die ersten Tränen schon geweint:

„Hilf mir zu sterben vor dem Feind in Würde!
Vollstrecke meines Kampfes Testament!
Hilf tragen mir der letzten Stunden Bürde,
verbann’ die Tränen, wenn der Schmerz auch brennt!“

Naßkalt die Zelle, wo wir Abschied nahmen.
Nicht Tisch, nicht Bett. Ein Lichtlein matt und bang.
„Noch zehn Minuten!“, so der Wachen Mahnen.
Noch zehn Minuten bis zum letzten Gang.

Schnell hieß er grüßen alle seine Lieben,
doch der Falange galt sein letzter Gruß,
den Treuen, die im Kampf zurückgeblieben:
„Hoch Spanien, auch wenn ich sterben muß.“

Sie holten ihn. Den Mantel sah ein Wächter.
Der sprach begehrlich: “Ach, den hätt’ ich gern!“
Da schenkte er ihn lächelnd seinem Schlächter.
Ich dachte an den Mantel uns’res Herrn.

Zwei Requetes, zwei junge Falangisten,
die fielen mit ihm an derselben Wand.
„Arriba …!“ Ihre letzen Rufe grüßten
im Kugelhagel noch das Vaterland.

Gemordet so des Jugendbundes Dichter,
doch unzerstörbar, seht, blieb sein Gedicht!
„Der Sänger tot!“, frohlockten seine Richter.
Sein Lied jedoch verstummt im Feuer nicht.

Gefallen vor der Wand von Alicante,
ging es in kalte Erde dann hinein
als Samenkorn. Den Kampf, der nun entbrannte,
fuhren die Mörder sich als Ernte ein.

Der Tag des Sieges kam: Er kehrte wieder!
Es trugen ihn in seinem Sarg durchs Land
Stafetten seiner jungen Waffenbrüder.
Die Kunde stob voraus wie Steppenbrand.

Er kommt! Er kommt! Die Stunde hat geschlagen!
Wie Auferstehung dieser Leichenzug!
Und Jubel bis Madrid. Und Glockenklagen.
Heim die Falange ihren Führer trug.

 

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