Honsiks Kommentar der Woche (KW 46, 2016)

Hofers Lapsus:

Die Amerikaner hätten uns „befreit“!

 

Was in Jalta und Potsdam seinerzeit beschlossen und sodann an den Deutschen einschließ­lich der Öster­reicher nach ethnischen Kriterien exekutiert wurde, kann getrost als der größte ras­sistische Völ­kermord der Weltgeschichte bezeichnet werden:

  • 13,5 Millionen vertrieben, da­bei sechs Millionen umgebracht. (Laut Bundeskanzler Konrad Adenauer. Neuere Untersuchungen weisen bis zu 18 Millionen Vertriebene aus.)
  • 5,7 Millionen dem Hungertod ausgeliefert! (1945–48; siehe dazu die Erinnerungen des US-Außenministers Cordell Hull und James Baque, „Der geplante Tod“, Berlin 2004.)
  • Acht Millionen nach dem Schweigen der Waffen in die Sklaverei (Nachkriegs­gefan­gen­schaft) fortgeführt,
  • davon eine Million allein durch die US-Besatzungsmacht dem Hungertod überantwortet!

All dies zusammen hat der Präsidentschaftskandidat Ing. Norbert Hofer – zuletzt nochmals dem „Ku­rier“ ge­gen­über – als Befreiung bezeichnet und den Anstiftern dieses furchtbarsten Zi­vi­li­sa­tions­bru­ches der Mensch­heit auch noch gedankt! Wörtlich sagte er: „Öster­reich hat den USA sehr viel zu verdanken. Ich erinnere nur an den Mar­shall­plan. Die Be­tei­li­gung der USA an den Kämpfen ge­gen den Nationalsozialismus waren [sic!] von ent­scheiden­der Be­­deutung für die Frei­heit und Zu­kunft Europas. …“1 Derselben Wortwahl bediente sich Hofer auch gegenüber „Sput­nik“: „Man darf nie ver­gessen, wie viele Russen bei der Befreiung Öster­reichs En­de des Zwei­ten Weltkrieges ihr Leben ge­lassen ha­ben, fügte er hinzu.“2 Den 8. Mai 1945 sieht er als Freu­den­tag: „Dass der Welt­krieg aus ist und Österreich von der Nazidiktatur be­freit wurde, ist na­tür­lich ein Tag der Freude.“3

Daß Hofer kürzlich in einem „Symposion“, an dem auch der Kidnapper von Adolf Eichmann teil­neh­men durfte, die Gemeinsamkeiten der FPÖ-Führung mit der Likud-Partei des israelischen Mi­nister­präsidenten Benjamin Netanjahu hervor­hob, zeugt weder von Fin­gerspitzengefühl noch von po­litischer Weitsicht. („Haben wir aus der Ge­schich­te gelernt? Neuer Antisemitismus in Europa“, 7.11.2016, Grand Hotel, Wien.)

Hofer, auf dessen Wahlsieg ich hoffte, ist mit diesem Auftritt wiederum Opfer der katastrophalen, kontra­produktiven politischen Regie des Strache-Systems geworden. Eines Systems, das ungeheuer erfolgreich scheint!

Die Verantwortlichen ahnen aber nicht, daß dieser Erfolg nicht wegen ihrer Strategie, sondern trotz ihrer Strategie eingefahren wird und nur den Verhältnissen geschuldet ist. Nichts, gar nichts haben sie von Donald Trump gelernt, wenn sie ihren Ehrgeiz darein setzen, Teil eines Systems sein zu dür­fen, das von der Mehrheit täglich mehr verabscheut wird und dessen Ablaufdatum sich schon an­kündigt.

Die Kernwähler der FPÖ, von deren gegenwärtigen Machthabern gerne als „rechter Narrensaum“ ver­spottet, – da man wohl meint, sie nicht mehr zu brauchen –, haben möglicher Weise schon beim ersten, beim angefochtenen Wahlgang dem Kandidaten Hofer den Sieg gekostet: Durch die wie­der­hol­ten Pilgerfahrten Straches zu den israelischen „Falken“ (also den Landräubern durch Mi­gra­tion) wa­ren sie verärgert worden, so daß am Ende 50.000 wichtige Stimmen fehlten..

Es bleibt nun zu hoffen daß die Glorifizierung des Genozids von 1945, des größten rassistischen Ge­­no­zids der Weltgeschichte, durch Hofers Verherrlichung als „Befreiung“ nicht den Unmut der Über­lebenden des „Befreiungsgenozids“ und deren Nachkommen in einem wahlentscheidenden Maße hervorruft. Denn wie wir nun wissen, können schon wenige zehntausend Stimmen wahl­ent­schei­dend sein.

Der Gedanke, der Kandidat der FED, der Wallstreet, der Versteher von TTIP und CETA, das Tro­ja­ni­sche Pferd von Bayer und Monsanto, also der Herr „Wirtschaftsprofessor“ Van der Bellen könne Öster­reichs nächster Präsident werden, ist bedrückend. Dennoch: Was ich hier sage, das mußte gesagt werden.

 

Gerd Honsik

 

Anmerkungen:

1 „Kurier“, Wien „Van der Bellen, Hofer: ‘So sehe ich Amerika’“, auf kurier. at, 6.11.2016.
2 Interview mit „Sputnik“, veröffentlicht am 5.7. 2016 auf
de.sputniknews.com.
3
„Die Presse“, Wien, „Konzert für Van der Bellen, doch ein Tag der Freude für Hofer“, 9.5.2016.


Historische Quellen (Auszug):

Konrad Adenauer, „Erinnerungen. 1945-1953“, Deutsche Ver­lags­-­An­stalt, Stutt­gart 1965, 4. Aufl. 1980, S. 186: „7,3 Mil­lionen sind in der Ostzone und in den drei Westzonen angekommen. Sechs Millionen Deut­sche sind vom Erdboden verschwunden. Sie sind verdorben, gestorben.“

Austin J. App, „Der erschreckendste Frieden der Geschichte“, Hellbrunn-Verlag, Salzburg 1947. (Originaltitel: „History’s most terrifying peace“.)

James Bacque, „Der geplante Tod“, Ullstein Verlag, Berlin 2004; „Verschwiegene Schuld“, Pour le Mérite, Selent 2002. (Originaltitel: „Other Losses“, General Paperbacks, Toronto 1991; „Crimes and Mercies“, Little Brown and Co., To­ronto 1997.)

Maximilian Czesany, „Europa im Bombenkrieg 1939-1945“, Stocker Verlag, Graz 1998.

Cordell Hull, „The Memoirs of Cordell Hull“, New York 1948.

Heinz Nawratil, „Die deutschen Nachkriegsverluste unter Vertriebenen, Gefangenen und Ver­schleppten“, Ullstein, Fran­kfurt M./Berlin 1986; „Die deutschen Nachkriegsverluste. Vertreibung, Zwangs­arbeit, Kriegsgefangenschaft, Hunger, Stalins deutsche KZs“, Ares Verlag, Graz 2008; „Schwarzbuch der Vertreibung 1945 bis 1948“, Universitas Ver­lag, München 2007.

John Sack, „Auge um Auge“, Kabel Verlag, Hamburg 1995. (Originaltitel: „An Eye for an Eye. The Untold Story of Je­wish Revenge Against Germans in 1945”, Basic Books 1993.)

Helke Sander, Barbara Johr, „Befreier und Befreite“, Kunstmann Verlag, München 1992. (Eine Dokumentation über die Ver­brechen an deutschen Frauen und Mädchen durch Vergewaltigung. Es wurden insgesamt 2.000.000 Frauen ver­ge­wal­tigt, davon 240.000 mit Todesfolge.)


Anlagen:

(Konrad Adenauer, „Erinnerungen. 1945-1953“, Deutsche Ver­lags­-­An­stalt, Stutt­gart 1965, 4. Aufl. 1980, S. 186.)

„Kurier“, Wien, 29.1.2005

(„Kurier“, Wien, 29.1.2005.)

 

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