Honsiks Wort zum Sonntag

Fröhlichs Kreuzweg

In diesen Ostertagen gedenke ich des Kreuzweges, den mein Freund Wolfgang Fröhlich zu gehen im Begriffe ist. 13 Jahre Kerker hat er verbüßt, zu 14 Jahren Kerker war er insgesamt verurteilt, zu weiteren vier Jahren Kerker wurde er nun verdammt, mit anschließender Einweisung in ein Irrenhaus. Und ich leugne nicht: Er hat gegen das Gesetz des Westens verstoßen. Er leugnete den Holocaust! Allen Rat seiner Freunde hat er in den Wind geschlagen. Nun ist kein Zweifel mehr: Er wird sein Leben hinter den Mauern des Zuchthauses und der Irrenanstalt beenden müssen. Wir, seine Freunde, dürfen ihm nicht zustimmen, können ihm nicht helfen! Was wir dürfen, ist, ihn bemitleiden. In seinem Andenken zitiere ich nun das Gedicht, das ich nach dem zweiten seiner sechs Prozesse geschrieben habe:

Es war einmal ein Ingenieur

(Achteinhalb Jahre Haft für Dipl.-Ing. Wolfgang Fröhlich für Forschung und Meinung. Gewidmet Frau Mag. Bandion-Ortner und dem Präsidenten des Landesgerichtes für Strafsachen Wien, Dr. Forsthuber.)

Es war einmal ein Ingenieur,
der schien zu querulieren
und stellte Fragen folgenschwer
in zügellosem Schriftverkehr,
die böse Zweifel schüren.

So zog man ihn aus dem Verkehr!
Daß künftig er verzichtet
auf seine Meinung, – bitte sehr –
gibt jetzt der Schuldspruch die Gewähr,
von dem hier nun berichtet.

Strafmildernd wär’ Beweisverzicht:
Politische Prozesse
gefallen nämlich vor Gericht,
wenn man von Politik nicht spricht.
So sieht es auch die Presse.

Die Laien stumm, mit Augen groß,
bestellt, um abzunicken,
besiegelten des Täters Los
und setzten den finalen Stoß
nach Art der Bolschewiken.

Sechs Jahre gaben sie ihm jetzt,
– etwas schon abgesessen –,
und zwei „bedingte“ von zuletzt:
macht achteinhalb! Er hatt’ geschwätzt
und schrieb auch wie besessen.

Da stürzt er, wie vom Blitz gefällt,
unter der Last der Jahre.
Geht so er fort von dieser Welt?
Als stiller Narr? Als sanfter Held?
„Los! Legt ihn auf die Bahre!“

Der Tod? Ein Traum? Ein Schatten grau?
Jetzt lichtet sich das Schweigen:
Er blickt ins Antlitz seiner Frau,
in tränennasse Augen blau,
die über ihm sich zeigen.

Die Gattin wird hinweggezerrt,
da sie durchbrach die Schranken!
Achtung, sein Sohn! Den Weg versperrt!
Zurück! Und sorgsam abgewehrt
gefährliche Gedanken.

Vielleicht ein kleiner Herzinfarkt?
Die Jahre, die noch bleiben,
kann die Justiz, wenn er erstarkt,
solange er nicht eingesargt,
sich noch zu Buche schreiben.

Der kleine blasse Ingenieur
war schnell hinausgetragen.
Welch ein Triumph! Der schreibt nie mehr!
Vernichtet und geschlagen!
Jedoch, verdammt: Im Raum umher
da stehen so, als ob nichts wär’,
noch immer seine Fragen.

Gerd Honsik
   
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